Inflation ist ein Phänomen, das jeden Haushalt direkt betrifft. Wenn die Preise steigen, verliert das Geld an Kaufkraft, und was man sich heute noch leisten kann, wird morgen teurer. In der Schweiz war die Inflation lange Zeit kein großes Thema, doch in den letzten Jahren ist sie wieder verstärkt in den Fokus gerückt.
Was ist Inflation?
Inflation bezeichnet den anhaltenden Anstieg des allgemeinen Preisniveaus für Güter und Dienstleistungen. Sie wird üblicherweise anhand des Landesindexes der Konsumentenpreise (LIK) gemessen, der die Preisentwicklung eines repräsentativen Warenkorbs verfolgt.
Der Warenkorb umfasst Kategorien wie Nahrungsmittel, Wohnen, Verkehr, Gesundheit, Bildung und Freizeit. Die Gewichtung der einzelnen Kategorien orientiert sich an den durchschnittlichen Ausgaben der Schweizer Haushalte. Wenn der LIK steigt, bedeutet dies, dass die gleichen Waren und Dienstleistungen teurer geworden sind.
Ursachen der Inflation
Inflation kann verschiedene Ursachen haben, die oft gleichzeitig wirken:
Nachfrageinflation
Wenn die gesamtwirtschaftliche Nachfrage das Angebot übersteigt, führt dies zu Preissteigerungen. Dies kann durch verschiedene Faktoren ausgelöst werden: steigende Konsumausgaben, erhöhte Staatsinvestitionen oder eine expansive Geldpolitik, die mehr Geld in Umlauf bringt.
In der Schweiz spielte die Nachfrageinflation nach der COVID-19-Pandemie eine Rolle, als aufgestaute Nachfrage auf Angebotsengpässe traf.
Angebotsinflation
Angebotsinflation entsteht, wenn die Produktionskosten steigen und Unternehmen diese höheren Kosten an die Verbraucher weitergeben. Ursachen können steigende Rohstoffpreise, höhere Löhne oder Energiekosten sein.
Die Energiekrise 2022 ist ein klassisches Beispiel für Angebotsinflation. Die stark gestiegenen Öl- und Gaspreise verteuerten nicht nur Heizung und Treibstoff, sondern auch die Produktion vieler Güter, da Energie ein wichtiger Produktionsfaktor ist.
Importierte Inflation
Als kleine, offene Volkswirtschaft ist die Schweiz stark vom internationalen Handel abhängig. Preissteigerungen im Ausland können sich über Importe auf die inländischen Preise übertragen. Ein schwächerer Franken verstärkt diesen Effekt, da importierte Waren teurer werden.
Lohn-Preis-Spirale
Wenn Arbeitnehmer höhere Löhne fordern, um die gestiegenen Lebenshaltungskosten auszugleichen, und Unternehmen diese höheren Lohnkosten durch Preiserhöhungen weitergeben, kann eine Lohn-Preis-Spirale entstehen. Dies war in den 1970er und 1980er Jahren ein Problem, ist aber in der Schweiz heute weniger relevant.
Die Schweizer Inflationserfahrung
Die Schweiz hat über Jahrzehnte eine außergewöhnlich niedrige und stabile Inflation genossen. Von den 1990er Jahren bis 2021 lag die durchschnittliche Inflationsrate bei nur etwa 0,7% pro Jahr. Diese Stabilität ist auf mehrere Faktoren zurückzuführen:
Die konsequente Geldpolitik der SNB, die Preisstabilität als oberstes Ziel verfolgt, spielt eine zentrale Rolle. Der starke Franken wirkt inflationsdämpfend, da Importe günstiger werden. Die Lohnzurückhaltung und moderate Lohnentwicklung in vielen Branchen sowie die hohe Produktivität der Schweizer Wirtschaft tragen ebenfalls zur Preisstabilität bei.
Allerdings stieg die Inflation in den Jahren 2022 und 2023 auch in der Schweiz deutlich an, wenn auch längst nicht so stark wie in vielen anderen Ländern. Die Teuerung erreichte zeitweise Werte über 3%, was für Schweizer Verhältnisse ungewöhnlich hoch ist.
Auswirkungen der Inflation
Inflation hat vielfältige Auswirkungen auf verschiedene Wirtschaftsakteure:
Für Konsumenten
Die offensichtlichste Auswirkung ist der Verlust an Kaufkraft. Wenn die Löhne nicht im gleichen Maße steigen wie die Preise, können sich Menschen weniger leisten. Besonders betroffen sind Menschen mit festen Einkommen und Rentner, deren Bezüge oft nur verzögert oder gar nicht angepasst werden.
Für Sparer
Inflation entwertet Geldvermögen. Wenn die Zinsen auf Sparkonten niedriger sind als die Inflationsrate, verlieren Sparer real an Vermögen. Dies war in der Negativzins-Ära besonders problematisch, als Sparer praktisch keine Zinsen erhielten, während die Preise stiegen.
Für Schuldner
Umgekehrt profitieren Schuldner von Inflation, da der reale Wert ihrer Schulden sinkt. Eine Hypothek von 500.000 Franken ist in einem inflationären Umfeld real weniger wert, während das Einkommen möglicherweise nominal steigt.
Für Unternehmen
Die Auswirkungen auf Unternehmen sind gemischt. Einerseits können höhere Preise die Gewinnmargen verbessern, andererseits steigen auch die Kosten. Planungsunsicherheit durch volatile Preise erschwert Investitionsentscheidungen.
Messung der Inflation
Die korrekte Messung der Inflation ist komplex. Der LIK wird vom Bundesamt für Statistik berechnet und monatlich veröffentlicht. Er basiert auf Preiserhebungen für rund 1.000 repräsentative Güter und Dienstleistungen.
Wichtig zu verstehen ist, dass der LIK einen Durchschnitt darstellt. Die tatsächlich erlebte Inflation kann für einzelne Haushalte stark abweichen, je nach individuellen Konsummustern. Ein Haushalt, der viel Auto fährt, ist stärker von Treibstoffpreisen betroffen als einer, der hauptsächlich öffentliche Verkehrsmittel nutzt.
Neben dem LIK gibt es auch die Kerninflation, die volatile Komponenten wie Energie und Nahrungsmittel ausklammert und ein stabileres Bild der zugrunde liegenden Inflationstrends liefert.
Bekämpfung der Inflation
Die Hauptverantwortung für die Inflationsbekämpfung liegt bei der SNB. Ihre wichtigsten Instrumente sind Zinserhöhungen und Wechselkurspolitik. Höhere Zinsen verteuern Kredite, dämpfen die Nachfrage und wirken inflationsmindernd. Ein stärkerer Franken verbilligt Importe und reduziert die importierte Inflation.
Auch die Fiskalpolitik kann eine Rolle spielen, indem der Staat seine Ausgaben zurückhält und somit die gesamtwirtschaftliche Nachfrage dämpft. Strukturelle Maßnahmen wie die Förderung des Wettbewerbs, der Abbau von Handelshemmnissen oder Investitionen in Produktivität können langfristig inflationsdämpfend wirken.
Strategien für Bürger zum Inflationsschutz
Für den Einzelnen gibt es verschiedene Möglichkeiten, sich gegen Inflation zu schützen:
Reale Vermögenswerte
Investitionen in Sachwerte wie Immobilien, Aktien oder Edelmetalle bieten tendenziell besseren Schutz vor Inflation als Bargeld oder Sparkonten. Diese Vermögenswerte können im Wert steigen und so die Kaufkraft erhalten.
Diversifikation
Eine breite Streuung der Anlagen über verschiedene Anlageklassen und geografische Regionen reduziert Risiken und kann helfen, die Auswirkungen der Inflation abzufedern.
Inflationsindexierte Anleihen
Einige Anleihen sind an die Inflation gekoppelt, sodass sowohl der Nennwert als auch die Zinszahlungen mit der Inflation steigen.
Einkommenssteigerungen
Verhandeln Sie regelmäßig über Lohnerhöhungen, die zumindest die Inflation ausgleichen. In der Schweiz sind Teuerungsausgleiche in vielen Arbeitsverträgen und Gesamtarbeitsverträgen vorgesehen.
Bewusstes Konsumverhalten
Vergleichen Sie Preise, nutzen Sie Angebote und überdenken Sie überflüssige Ausgaben. Ein bewussterer Konsum kann helfen, die Auswirkungen der Inflation auf das persönliche Budget zu mindern.
Die Deflationsgefahr
Während Inflation oft als Problem wahrgenommen wird, ist auch das Gegenteil, die Deflation, problematisch. Fallende Preise können dazu führen, dass Konsumenten Käufe aufschieben, in der Erwartung, dass Güter noch günstiger werden. Dies dämpft die Nachfrage, was die Wirtschaft bremsen und zu Arbeitslosigkeit führen kann.
Die Schweiz befand sich zeitweise nahe der Deflation, besonders nach der Finanzkrise 2008. Die SNB setzte damals ihre expansive Geldpolitik unter anderem ein, um deflationäre Tendenzen zu verhindern.
Internationale Perspektive
Im Vergleich zu vielen anderen Ländern hatte die Schweiz in den letzten Jahrzehnten eine beneidenswerte Inflationsstabilität. Während Länder wie die USA oder Deutschland in den 1970er und 1980er Jahren mit zweistelligen Inflationsraten kämpften, blieb die Schweiz weitgehend verschont.
Auch in der jüngsten Inflationswelle 2022-2023 stieg die Teuerung in der Schweiz deutlich moderater als in der Eurozone oder den USA. Dies ist ein Zeichen für die Wirksamkeit der Schweizer Geldpolitik und die strukturellen Stärken der Wirtschaft.
Fazit
Inflation ist ein vielschichtiges Phänomen mit weitreichenden Auswirkungen auf alle Bereiche der Wirtschaft. Für die Schweiz war und ist Preisstabilität ein zentrales wirtschaftspolitisches Ziel. Die SNB hat in der Vergangenheit erfolgreich dafür gesorgt, dass die Inflation niedrig blieb.
Dennoch müssen Bürger sich der Risiken der Inflation bewusst sein und Maßnahmen ergreifen, um ihre Kaufkraft zu schützen. Ein grundlegendes Verständnis der Inflationsmechanismen hilft dabei, fundierte finanzielle Entscheidungen zu treffen und sich auf verschiedene wirtschaftliche Szenarien vorzubereiten.